Der handgeschriebene Brief im digitalen Zeitalter

In einer Zeit, in welcher wir unsere tiefsten Gefühle in Emoticons packen, sie in zwei, drei schnellgetippten Zeilen zum Ausdruck bringen, digital verschlüsseln und mit einem Druck auf die Enter-Taste übermitteln, wirkt ein handgeschriebener Brief schon wie der Schwur zu ewiger Loyalität oder Treue.

Halten wir die Zeilen eines Bekannten, Freundes oder geliebtem Menschen in den Händen, so wissen wir, dass dafür eigens ein Bogen Briefpapier gesucht und ein Stift zur Hand genommen wurde.

Mehr als nur Papier und Worte

Im Gegensatz zur schnelllebigen digitalen Kommunikation bedarf ein Brief auch der Formulierung vollständiger Sätze. Da es sich vorerst um eine einseitige Kommunikation, einen schriftlichen Monolog handelt, ist zu überlegen, was man sagen möchte, und wie man es bestmöglich zum Ausdruck bringt.

Durch den Postweg entschleunigt, lässt die Kommunikation per Briefverkehr Zeit zur Besinnung und zum Überdenken.

Die Wahl des Papiers und des Schreibinstrumentes kann dem Brief zu unterschiedlichem Anlass eine ganz eigene Note verleihen.

Das parfümierte Briefpapier der Verliebten, das handgeschöpfte Pergament einer Hochzeitseinladung oder das würdevolle Steinpapier um zu einer Beerdigung - dem Ende - oder einer Geburt - dem Beginn eines Lebens - zu laden.

Auch der Schreibende hinterlässt seine persönliche Note anhand seiner eigenen, einzigartigen Handschrift. Nicht umsonst begann man schon lange vor Freud, aus der Schrift eines Menschen seinen Charakter und seine Art herauszulesen.

Des Weiteren bedarf der Brief eines Couverts und einer Briefmarke. Der Beschaffung beider ist es zu entnehmen, dass dem Absender etwas an der persönlichen Art und Weise, welche so ein Brief mit sich bringt, gelegen ist. Außerdem ist neben dem Löhnen des Portos auch der Weg zum Briefkasten erforderlich.

Die nächste Generation

Direkt nach dem Handschriftlichen bedarf aber auch der maschinengeschriebene Brief eines Mehraufwands gegenüber der Kommunikation im virtuellen Raum.

Im weitesten Sinne ist ja auch der auf der Schreibmaschine getippte Brief ein Handgeschriebener. Die unterschiedlich stark ins Papier gepressten Lettern, die sich je nach Anschlagstärke in einem helleren oder tieferen Schwarz darstellen. Der doppelt leicht versetzte, ein zweites Mal angeschlagene Buchstabe, da die Taste immer hängen bleibt, oder der leichte Rotstich, da man ausversehen den Taster für das andere Farbband gedrückt hielt - all dies verleiht dem Schriftstück eine ganz persönliche Note.

Denn gerade die kleinen Fehler sind es, die uns Menschen von der Maschine unterscheiden.

Schon Reinhard May singt:

»Da lob‘ ich mir ein Stück Musik von Hand gemacht,

Noch von einem richt‘gen Menschen mit dem Kopf erdacht,

‘ne Gitarre, die nur so wie ‘ne Gitarre klingt,

Und ‘ne Stimme, die sich anhört, als ob da jemand singt.

Halt ein Stück Musik aus Fleisch und Blut,

Meinetwegen auch mal mit ‘nem kleinen Fehler, das tut gut,

Das geht los und funktioniert immer und überall,

Auch am Ende der Welt, bei Nacht und Stromausfall!«*

 

So ist es auch mit handgeschriebener Prosa oder ebensolchen Briefen. Aus dem Herzen in die Hand und aus dieser aufs Papier.

 

 

Bild: Tintenfass © flickr.com / János Balázs

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